Ich habe keine Phantasie, ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Ich schreibe mit Hilfe meiner Erinnerungen, aber da ich ein sehr, sehr schlechtes Gedächtnis habe, gebe ich beim Erzählen keine Tatsachen wieder, sondern eine verzerrte Darstellung dessen, was geschehen ist. Sie alle werden die Erfahrung kennen, dass sich die Träume beim Erwachen in nichts auflösen; ganz ähnlich ergeht es mir mit dem Leben: Was ich erlebt habe, verschwimmt fast vollständig innerhalb kürzester Zeit, und ich vergesse es; was bleibt, ist nicht viel mehr als ein Gefühl, eine Reihe undeutlicher Bilder, wie die wirre Erinnerung an einen Traum. > weiter im Text
Wer diese ganz besondere Art von Grausamkeit erdulden muss - ein schlechtes Gedächtnis -, für den ist die Vergangenheit fast genauso unwirklich wie die Zukunft. Blicke ich zurück und versuche mich an die Dinge zu erinnern, die ich erlebt habe, die Schritte, die mich hierher geführt haben, weiss ich niemals mit völliger Gewissheit, ob ich mich tatsächlich erinnere oder ob ich erfinde. Während wir die Dinge erleben, in der Zeit «dazwischen», die wir als Gegenwart bezeichnen - mit all dem zerstörerischen Gewicht, das die unmittelbare Wirklichkeit besitzt -, kommt uns alles banal und beständig und fest vor, wie ein Tisch oder ein Hocker; indes die Zeit vergeht, brechen jedoch die Beine dieses Hockers, oder sie gehen verloren, die Sitzfläche biegt sich durch, die Rückenlehne verzieht sich, die Armstützen werden zerfressen, bis die Dinge zuletzt so unwirklich sind wie jener Gegenstand, den Lichtenberg einmal beschrieb: «Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Griff fehlt.» Was ist das für ein Gegenstand? Ein Gegenstand, der nur in Wortgestalt existieren kann, etwas, was man nicht vorzeigen kann, was Sie jedoch mit Hilfe der Worte «Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Griff fehlt» sehen können. Genau das ist fast immer die Vergangenheit, etwas, was nicht mehr da ist und wovon uns nur die Spur der Worte bleibt. Was bereits geschehen ist und was erst noch geschehen wird, über beides kann ich in meinem Kopf blosse Vermutungen anstellen. Entweder die geduldige Wiederherstellung - mit Hilfe von Indizien - einer Vergangenheit, die nicht mehr genau erinnert wird, oder das Erstaunen angesichts einer Zukunft, die Angst oder Sehnsucht hervorruft, womöglich aber niemals eintreten wird.
Ich löse mich auf und eines Tages werde ich durchsichtig sein - ein Messer ohne Klinge, an welchem der Griff fehlt. Ich weiss nicht, ob das, was ich gerade geschrieben habe, eine Erinnerung, ein Wunsch oder eine Erfindung ist.
(aus: «Mein Stil» von Héctor Abad)
The thoughts smothering ye; these thoughts; but ye want to remember and face up to things, just something keeps ye from doing it, why can ye no do it; the words filling yer head; then the other words; there's something wrong; there's something far far wrong ... > weiter im Text
And then his legs went wobbly like a clown's or a rag doll like they went away from him and he could have done the splits, and he skidded, and now a sound like a crack at the base of his spine, and he was on the ground, splayed out on the pavement.
And there were shoppers roundabout; women and weans, a couple of prams with the wee yins all big-eyed staring at him; then a sodjer was here and trying not to but looked like it was too much of an effort and he couldnay stop himself, he stuck the boot right in, into Sammy's belly, then another.
Sammy couldnay get away; gulping for a breath, he couldnay get one; he tried to crawl, but he was tottering and he spotted the sodjer stepping back the way and wiping his mouth on his wrist; the other yin was here now as well; and they got him onto his feet, they huckled him into the first available close, an auld building next to a furniture showroom. He could feel them shaking, shaking, so fucking angry man they were just so fucking angry; there was only two of them, that was a thing, fucking hell man, Sammy was thinking, but he was fuckt, fuckt, he couldnay break loose, he fucking couldnay, they had him, they fucking had him man the two of them, one hand gripping the back of his neck and another on his left wrist and another yin twisting his right arm all the way up his fucking back and it was fucking pure agony like it was getting wrenched off man ye could feel it in the fucking socket and the side of the ribs; and then their breathing, big breaths in and out. Then they turned a corner into the back close. But ye're as well drawing a curtain here, nay point prolonging the agony.
(James Kelman «How late it was, how late»)
«Wahrscheinlich ist es,
dass ich nicht bemerke,
wie ich in die Katastrophe hineinrutsche,
bis ich Teil der Katastrophe bin.»
(A.L. Kennedy)
Fragmentarisch, in nicht chronologischer Abfolge erinnert sich ein Paar an seine möglicherweise längst beendete Beziehung.
Entlang ihrer Geschichte verschmelzen und überlagern sich fremde und eigene Erinnerungen – unzuverlässig, in stetiger Bewegung. So wie das gemeinsam Erlebte das Liebespaar für immer verbindet, wird es durch das individuell Erinnerte unerbittlich getrennt. Angetrieben von Sehnsüchten und Wünschen, dreht sich das Paar immer schneller in den Schleifen der Erinnerung. Ebenso komisch wie tragisch hechelt es bald sich selber hinterher und versucht vergeblich, nicht komplett aus dem Gleichtakt zu fallen.
Videoeinspielungen sowie die Kompositionen, Lieder und Improvisationen von zwei Live-Musikern verdichten das Geschehen zu einem nicht abreissenden Fluss. So überträgt sich das Sprunghafte, Ungefilterte, Anarchistische von Erinnerungsvorgängen in die musikalisch-theatrale Performance MEMORY LOST.
«Was bereits geschehen ist und was erst noch geschehen wird, über beides kann ich in meinem Kopf blosse Vermutungen anstellen. Entweder die geduldige Wiederherstellung einer Vergangenheit, die nicht mehr genau erinnert wird, oder das Erstaunen angesichts einer Zukunft, die Angst oder Sehnsucht hervorruft, womöglich aber niemals eintreten wird. Ich löse mich auf und eines Tages werde ich durchsichtig sein – ein Messer ohne Klinge, an welchem der Griff fehlt.»
(Héctor Abad)
Eine Produktion von schützwolff in Koproduktion mit Kaserne Basel, Theater Chur und Auawirleben Bern.